Donnerstag, 9. Juni 2011

Warum Gläubigen oft Aggression entgegenschlägt

Man begegnet ihr zum Beispiel in den Kommentarbereichen vieler Online-Magazine, wenn es um Religion und Kirche geht: der antireligiösen Aggression.

Am Montag sprach Prof. Dr. Raphael Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, in der Sendung "Lebenshilfe" bei Radio Horeb über das Thema Narzissmus. Nach einem Beitrag von Prof. Bonelli in der "Tagespost" vom Dienstag berichtete auch "kath.net".
Warum Gläubigen oft Aggression entgegenschlägt
Der Psychiater sieht den Grund in den drei narzisstischen Kränkungen des modernen Menschen:

Die erste bestehe darin, dass Gott nicht tot sei, obwohl der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) dessen Ableben vorhergesagt hatte: „Nietzsche zum Trotz blühen die Religionen aber weltweit.“ Die Renaissance des Religiösen werde als bedrohlich erlebt, da das idealisierte Selbstbild des modernen Menschen vorgebe, die Transzendenz nicht mehr zu brauchen. Es werde viel Kraft in „die Abwehr der schmerzhaften Realität“ investiert, dass jedem Menschen eine natürliche Religiosität innewohne. Diese Abwehrkräfte könne man als antireligiöse Affekte wahrnehmen. Bonelli: „Die erste narzisstische Kränkung ist die unübersehbare Lebendigkeit der totgehofften Religion.“

Als noch bedrohlicher werde die moralische Instanz erlebt, die die Glaubensgemeinschaften darstellten. Jede Religion degradiere „den selbst zu Gott gewordenen modernen Menschen zum Geschöpf und installiert sogar Normen, an die er sich halten muss“. Außerdem behaupte die Religion, dass es einen ewigen Richter gebe, vor dem sich der Mensch verantworten müsse: „Das tut weh.“
Hinzu komme, dass der moderne Mensch sich für fehlerlos halte und Schuld höchstens bei anderen sehe. Das starre Festhalten an seiner Fehlerlosigkeit könne er aber nur mühsam durch ständigen Selbstbetrug durchhalten. Diese Anstrengung werde in der Psychoanalyse „Verdrängung“ genannt.
Bonelli: „Heute wird in erster Linie Schuld verdrängt, denn dafür hat der unbarmherzige Zeitgeist keine wirkliche Lösung.“ Eine Aufdeckung dieser Verdrängung werde mit Aggression abgewehrt. Damit seien die Kirchen und die anderen Glaubensgemeinschaften „der Buhmann, denn ihre Botschaft ist, dass jeder schuldig wird“.

Im Blick auf die dritte Kränkung des modernen Menschen heißt es: „Er empfindet Neid und Eifersucht darüber, dass der andere bei Gott Liebe, Sicherheit und Geborgenheit findet, und er selbst sich einsam durch die graue und grausame Welt schlagen muss. Kain hat aus diesem Grund Abel erschlagen.“

Den ganzen Beitrag lesen Sie hier
Zum Tagespost-Artikel
Zur Lebenshilfe-Sendung vom 6. Juni auf Radio Horeb

1 Kommentar:

  1. Sehr interessante Analyse! Professor Bonelli erklärt einiges, was einem so unterkommt an (für mich als psychotherapeutischem und -analytischem Laien) bislang völlig unverständlicher Aggression.

    Vielen Dank!

    Ihr
    Josef Bordat

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